DIE LADINER

Minderheit auf dem Rückzug

von Mateo Taibon
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Die Ladiner - eine Sprachgemeinschaft an der Grenze zu ihrer Auslöschung: Die jahrzehntelange Assimilierungspolitik zeigt ihre fatalen Folgen. Systematische Verleumdung jener, die sich für ihre Minderheit einsetzen.

Inhalt
Die Sprache und ihre Entstehung | Der Siedlungsraum | Assimilierung |
Die historische Komponente | Das große Unrecht: Die Dreiteilung | Schule und Assimilierung |
Die Schule: Status quo

obenDie Sprache und ihre Entstehung
In den Dolomiten leben rund 30.000 Ladiner. Diese Sprachminderheit ist in den Tälern rund um das imposante Sella-Massiv beheimatet: Gadertal (Val Badia) mit dem Seitental Enneberg (Marèo), Gröden (Gherdëina), Fassa (Fascia), Buchenstein (Fodom) und Cortina d'Ampezzo (Anpëz).
Entstanden ist die ladinische Sprache durch die Romanisierung der Alpen im Jahre 15 vor Christus. Die Völkerschaften, die vor der römischen Besetzung in den Alpen wohnten, werden gemeinhin als "Räter" bezeichnet; sie entwickelten ab dem 5. Jahrhundert v. Chr. eine beachtliche Kultur. Diese Alpenbevölkerung übernahm die lateinische Sprache, die sich im Laufe von Generationen zum Ladinischen (Rätoromanischen) gewandelt hat.

Der wissenschaftliche Begriff "rätoromanisch", der korrekt das rätische Substrat in der Sprache anspricht, hat oft zu Mißverständnissen geführt. Man kann allgemein eine große Unwissenheit und zahlreiche Mißverständnisse über die ladinische Sprache feststellen. Immer wieder ist von "Mischung zwischen Italienisch und Deutsch die Rede, es wurde sogar in einer sogenannten "seriösen" Publikation (geschrieben von einem Südtiroler Journalisten) die Meinung geäußert, Rätoromanisch sei eine Mischung aus Rätisch und Vulgärlatein. Rätisch und Vulgärlatein, d.h. das Volkslatein, haben in der Bildung des Rätoromanischen tatsächlich die zentrale Rolle gespielt. Von einer Mischung kann aber keine Rede sein. Im Rätoromanischen ist die Sprache der Räter ein Substrat, das sich auf die Sprache ausgewirkt hat, der Korpus aber ist lateinisch bzw. neulateinisch - ähnlich wie beim Französischen die gallische Grundlage sich ausgewirkt hat (Französisch könnte man im gleichen Sinne als "Galloromanisch" bezeichnen). Für die Rätoromanen in den Dolomiten wird zumeist der Begriff "Ladiner" verwendet, für die Rätoromanen im Friaul "Furlans", für die Rätoromanen in Graubünden "Rumantsch" (oder "Romanen" bzw. "Bündnerromanen). Die Sprache ist - um es allgemein verständlich auszudrücken - ungefähr in der Mitte zwischen Französisch und Italienisch angesiedelt. Mit dem Rötoromanischen nahe verwandt sich auch Okzitanisch oder Katalanisch.

obenDer Siedlungsraum

Landkarte Ladiniens
Der frühladinische Sprachraum reichte vom Gotthart bis an die Adria. Um 600 n. Chr. drangen von Norden her die Bajuwaren in den Alpenraum; von Süden her bedrängten andere Völker die Rätoromanen. Das ladinische Gebiet wurde langsam durchbrochen, große Teiles wurden germanisiert oder italianisiert. Dadurch wurde der rätoromanische Sprachraum in drei getrennte Gebiete aufgeteilt, die eine jeweils eigene Entwicklung durchgemacht haben: Graubünden (mit dem "Rumantsch"), die Dolomiten (mit dem "Ladin") und das Friaul (mit dem "Furlan"). Die "Sprachen" dieser drei Sprachinseln sind verschiedene Dialekte der gleichen Sprache. Der Sprachraumverlust ist jedoch auch heute nicht zu Ende. Vor allem in Cortina d'Ampezzo (wo die Bevölkerungsmehrheit mittlerweile italienisch ist) und in Urtijëi sind die Tendenzen zur Assimilierung und zum Wechsel zu den Mehrheitssprachen Italienisch bzw. Deutsch stark.

obenAssimilierung
Daß der rätoromanische Sprachraum heute so gering ist und weiterhin schrumpft, ist eine Wirkung eines jahrhundertealten, auch heute noch stark präsenten Assimilierungsdrucks. Sowohl auf italienischer als auch auf deutscher Seite gibt es den dauernden Versuch, die ladinische Sache für eigenen Zwecke zu mißbrauchen, oder aber jede Form von Minderheitenschutz und Selbständigkeit so weit als möglich zu verhindern.

Ladinische ist eine eigene Sprache und nicht ein italienischer Dialekt. Obwohl zahllose wissenschaftliche Untersuchungen diese Theorie stützen, obwohl auch bekannte Persönlichkeiten (wie Pier Paolo Pasolini) diese Ansicht vertreten haben, hat sie sich noch nicht überall durchgesetzt.

Es sind vor allem ideologische Gründe, die die Sicht auf die Ergebnisse der wissenschaftlichen Forschungen trübt. Die Ladiner wurden (und werden) besonders von den italienischen Nationalisten, insbesondere in der Zeit des Faschismus, als Italiener deklariert. Ladinisch, so die These, sei nicht eine eigene Sprache, sondern ein alpiner italienischer Dialekt - ein verrohter italienischer Dialekt, wie man hinzuzufügen nicht vergaß; ein Dialekt, der wieder zur Noblesse der italienischen Sprache zurückgeführt werden müsse. Zur Stützung der These wurden vor allem Beispiele aus dem Grenzbereich des Ladinischen zum Italienischen hergenommen. Da die Grenze zwischen den zwei verwandten Sprachen eine weiche ist, ist es leicht, durch manipulative Verwendung von wenigen Beispielen das Gesamtbild zu falsifizieren.

Einer seriösen wissenschaftlichen Analyse hält die These, Ladinisch sei ein italienischer Dialekt, jedoch nicht stand. So hat das Ladinische das -s in der zweiten Person Singular und Plural des Verbes (z.B. "tö as" - du hast) und das Plural-s bei den Substantiven (z.B. "les ciases" - die Häuser) - ein Merkmal, das kein italienischer Dialekt hat, wohl aber in anderen romanischen Sprachen (Französisch) zu finden ist. Wennschon müßte Ladinisch also, nach der Logik der Leugner des Ladinischen, ein französischer, nicht ein italienischer Dialekt sein.

Trotz der offiziellen Erklärung, Ladinisch sei ein italienischer Dialekt, wurden die Ladiner in Akten des faschistischen Regimes als "fremdsprachig" eingestuft. Ein Zeichen, daß der Faschismus seiner eigenen These nicht glaubte. Mussolini selbst bezeichnete Ladinisch als "grauen Fleck", den es auszulöschen gelte. So wurde das Assimilierungsprogramm gegen die Ladiner gestartet.

Die wichtigste Maßnahme des Faschismus zur Assmilierung der Ladiner wurde bis heute beibehalten: In den 20er Jahren hat der Faschismus, ausdrücklich mit dem Ziel einer raschen Assimilierung, die Ladiner, die für vier Jahrhunderte gemeinsam unter Tirol waren, in drei verschiedene Provinzen und zwei verschiedene Regionen aufgeteilt. Cortina und Fodom (Buchenstein) mit Col de Santa Lizia gehören zur Provinz Belluno (Region Veneto), Fascia gehört zur Provinz Trient (Region Trentino-Südtirol), Gherdëina (Gröden) und Val Badia (Gadertal) gehören zur Provinz Bozen (Region Trentino-Südtirol).

Diese Zersplitterung der ladinischen Minderheit wurde bis heute von keiner Regional- oder Nationalregierung rückgängig gemacht, vielmehr sind die Provinzgrenzen undurchdringlicher denn je. Jene, die dieses faschistische Unrecht anprangern, werden von der Presse und der Politik regelmäßig des Extremismus, Fundamentalismus, Panladinismus bezichtigt. Es gibt also heute noch viele Verteidiger des faschistischen Unrechts - und viele, die die Assimilierung der Ladiner weiterhin zielstrebig (wenn auch zumeist scheinheilig) betreiben.

Für die ladinische Minderheit ist die Dreiteilung die größte Gefahr für ihr Überleben. In jeder der drei Provinzen, in der sie leben, sind die Ladiner stark in der Minderheit. Formen der Selbstverwaltung, die über ganz gewöhnliche Gemeindepolitik hinausgeht, haben sie nicht - nur die Ladiner aus Fascia haben ein Talgemeinschaft. In allen politisch-demokratischen Gremien, die auch über ladinische Belange entscheiden, sind die Ladiner entweder stark in der Minderheit - es entscheidet die Mehrheit über die Minderheit - oder gar ausgeschlossen. Die Rechte der ladinischen Minderheit sind also weitgehend ausständig.

In den drei Provinzen, in denen Ladiner leben, gibt es verschiedene Standards des Minderheitenschutzes. In der Provinz Belluno gibt es so gut wie keine Schutzmaßnahmen, in der Provinz Trento hat man gerade in den letzten Jahren stark aufgeholt, in der Provinz Bozen gibt es zwar Schutzmaßnahmen, gleichzeitig gibt es jedoch auch grobe Diskriminierungen. Immer wieder wird Südtirol als Modellfall für den Minderheitenschutz angepriesen: Die Mehrheit preist sich selber, die ladinische Minderheit läßt man jedoch selten zu Wort kommen.

In Südtirol ist ein starker Assimilierungsdruck zu spüren, ausgeübt wird er vor allem durch die Schulen und durch die Medien (und damit durch die öffentliche Meinung). Ein wesentliches Recht, worauf die deutschen Südtirol immer gepocht haben, bleibt den Ladinern fast ganz vorenthalten: Der Unterricht in der Muttersprache. Die deutschen Südtiroler haben den Unterricht in der Muttersprache immer als unverzichtbar für das Überleben ihrer Sprachgruppe hingestellt. Selbst geringe Eingeständnisse an eine gemischtsprachige Schule werden als Beginn des Unterganges der deutschen Sprachgruppe vehement abgelehnt.

Bei den Ladinern versucht man hingegen, den Muttersprachenunterricht so gering als möglich zu halten. So war die Südtiroler Landesregierung 1999 nicht bereit, den Unterricht des Ladinischen in den ladinischen Oberschulen fest von einer auf zwei (!) Wochenstunden zu erhöhen! Damit geht die Politik also, den eigenen Erklärungen zufolge, darauf hinaus, die ladinische Minderheit zu assmilieren.

Grobe Lücken gibt es auch in der Lehrerausbildung. Bisher hatten jene Lehrer, die in den ladinischen Schulen unterrichten, keinen Ladinisch-Unterricht an den Oberschulen! Die Folge ist eine zumeist sehr schlechte Kenntnis des Ladinischen bei den Lehrern, was wiederum - mit allen Begleiterscheinungen - zu den derzeitgen (sehr schlechten) Ladinischekenntnissen bei den Schülern führt. In der neuen Universität, die für die Ausbildung zuständig ist, wird Ladinisch in einem ganz geringen Maß unterrichtet. Die Fehler der Vergangenheit werden also nicht ausgebessert.

Der Versuch der Assmilierung ist historisch tief verwurzelt und ging lange Zeit einher mit einer klar ausgeprägten und klar ausgesprochenen Verachtung für die ladinische Sprache. In der Donaumonarchie wurde in den ladinischen Schulen nicht Ladinisch gelernt, wie allgemein Ladinisch nicht als eigene Sprache anerkannt wurde; Ladinisch wurde in öffentlichen Aufschriften nicht angebracht (in der Umgangssprache wurde die Ladiner verächtlich als "Krautwalsche" bezeichnet, eine Gewohnheit, die sich bei den deutschen Nachbaren Ladiniens allzu häufig bis heute noch feststellen läßt). Der Faschismus brachte im Muttersprachen-unterricht selbstverständlich keine Besserung; für die faschistische Ideologie war Ladinisch ein italienischer Dialekt. Eine Besserung kam zunächst auch nicht nach dem Ende des Faschismus. In Südtirol herrschte nach dem 2. Weltkrieg eindeutig der Wille, die Schulen Ladiniens vollständig Deutsch zu halten, also die Ladiner zu assimilieren: Man tat das, was der Faschismus gegenüber den Deutschen versucht hatte. Es gab ganz starke, von Politik und Presse gemeinsam getragene Bemühungen, die Schulen in den ladinischen Tälern zu germanisieren. Interessanterweise wurden jene, die sich gegen die Germanisierung wehrten, als Faschisten beschimpft. Es war nicht eine historische "Verwirrung", die zu diesen Germanisierungsversuchen führten, sondern ein feste, ideologisch begründete Absicht. Noch 1971 hat die Mehrheitspartei in Südtirol mit einem massiven parteipolitischen und medialen Aufgebot versucht, die ladinischen Schulen zu germanisieren - um es zu wiederholen: das zu tun, was die Faschisten gegenüber den deutschen Südtirolern getan haben. Bis heute hat die Tendenz nicht nachgelassen. Jene Ladiner, die sich für mehr Muttersprachen-unterricht einsetzen, werden regelmäßig als Extremisten und Fanatiker verunglimpft. Jene Schutzmaßnahmen, die man für die eigene Minderheit einfordert, verweigert man also der anderen Minderheit.

Die Hetze gegen die ladinische Sprache war von Erfolg gekrönt: Im Autonomiestatut ist festgeschrieben, daß die Hälfte der Fächer auf deutsch, die andere Hälfte auf italienisch unterrichtet wird - für die Muttersprache bleibt nur eine Nische von zwei bzw. einer Wochenstunde! Die Assimilierungspolitik ist also in Südtirol noch wirksam. Bei den Ladinern der Provinz Bozen (Südtirol) verhindert gerade das Autonomiestatut einen angemessenen Muttersprachenunterricht - und das Autonomiestatut sollte Minderheitenrechte festschreiben, nicht verhindern.

obenDie Schule: Status quo
Wer eine Minderheit assimilieren will, beginnt bei der Schule. Die Ladiner in Südtirol haben in der Pflichtschule zwei Wochenstunden Ladinisch, in der Oberschule eine einzige Stunde Ladinisch - und das nur in den Schulen der ladinischen Täler (Val Badia und Gherdëina - in den Schulen außerhalb der ladinischen Täler gibt es keine Möglichkeit, Ladinisch zu lernen). Die Fächer müssen zur Hälfte Italienisch und zur Hälfte Deutsch unterrichtet werden - als Unterrichtssprache darf Ladinisch nicht verwendet werden - dies wird durch das Autonomiestatut verhindert. Die Muttersprache wird also vollkommen an den Rand gedrängt. Das Autonomiestatut, das eigentlich die Rechte der Minderheit festschreiben sollte, verhindert den angemessenen Muttersprachenunterricht und ist eine Regelung zur Assimilierung der Ladiner.

Aufgrund des Autonomiestatutes ist eine Erhöhung des Ladinisch-Unterrichtes nicht möglich. Über das Autonomiestatut entscheidet die ethnische Mehrheit bzw. die ethnischen Mehrheiten, nicht die Minderheit.
Die Schule ist ein Instrument für die Assimilierung der ladinischen Minderheit. Die Folgen sind sehr deutlich. So sprechen sehr viele ein wirklich desaströses Ladinisch, das in Syntax und Vokabular stark von deutschen und italienischen Elementen durchdrungen ist. Wenn diese Entwicklung weitergeht, wenn die Assimilierungspolitik der Mehrheit nicht beendet wird, wird in zwei-drei Generationen die ladinische Sprache verschwunden sein.

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