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Hazarajat / Afghanistan

Ein leiser Aufbruch. Afghanistanreise vom 21. Mai bis 7. Juni 2005

Von Evelina Colavita

Bozen, 14. Juni 2005

Afghanistanreise: das Tal von Bamyan. Foto von Evelina ColavitaWie jedes Jahr habe ich auch 2005 meine Reise nach Afghanistan unter schlechten Vorzeichen angetreten. Eine Woche vor der Abreise ist eine Mitarbeiterin von Care International entführt worden und eine afghanische Journalistin ist am helllichten Tag in Kabul erschossen worden. Trotzdem reise ich ab, denn ich weiss, in welchen Regionen die Risiken relativ gering sind. Im Hazarajat, wo alle unsere Projekte laufen, gibt es keine bewaffneten Konflikte. Es herrscht abgrundtiefe Armut. Eine gewisse Sicherheit und Respekt erhalten wir dadurch, dass unsere Autos mit einem Schild von Shuhada versehen sind. Bis Zia Chog fahren die Autos aber ohne dieses Schild, denn die ersten vier Stunden führt die Strasse durch Pashtunengebiet. Hier ist Shuhada nicht bekannt. Vorsicht ist geboten.

Der uralte Konflikt zwischen Paschtunen und Hazara hat sich nicht gelegt. Der Paschtune Karzai ist als Sieger aus den letztjährigen Präsidentschaftswahlen hervorgegangen. Kabul ist in den Köpfen der Leute weit weg und die Hazaras werden von den Paschtunen und Tadschiken nicht als ebenbürtige Bürger angesehen. Sie, wurden im 19. Jahrhundert als Sklaven nach Kabul verschleppt. In der neuen Regierung in Kabul sind sie untervertreten und verfügen nur über wenige nebensächliche Ministerien, obwohl ihr Präsidentschaftskandidat Mohaqiq an den Wahlen dritter geworden ist. In Afghanistan wählt man eben ethnisch und die Hazaras sind die drittgrösste Volksgruppe im Lande. Im September 2005 sind die Parlamentswahlen geplant und da müssen alle Volksgruppen wohl oder übel vertreten sein. Ich befürchte, die Wahlen im September 2005 werden nicht so glimpflich über die Bühne gehen.

Afghanistanreise: Hazara Bauer im Distrikt Yakawlang. Foto von Evelina ColavitaMein erstes Ziel ist Yakawlang, wo wir letztes Jahr 4 Schulen mit 525 Schülerinnen und Schülern finanzierten. Inzwischen sind 4 dieser 5 Schulen vom Staat übernommen worden und nur noch die Schule im abgelegenen Sare Qul wird von uns finanziert. 135 Mädchen gehen hier zur Schule und die hochschwangere Schulleiterin geht jeden Tag 2 Stunden zu Fuss von ihrem Dorf bis zum Schulhaus. Die Entwicklung in Afghanistan geht langsam aber stetig voran, dies zeigt sich auch daran, dass immer mehr Schulen vom Staat finanziert werden.

Das gilt aber noch nicht für die ganz abgelegenen Distrikte wie Sharistan, wo wir weiterhin Schulen für etwa 3500 Buben und Mädchen unterhalten und den Distrikt Balkhab mit 2 Schulen für insgesamt 400 Mädchen. Die Strassen, oder besser die Pisten, sind in einem desolaten Zustand und deshalb kann ich diese Projekte nicht besuchen. Zwei Brücken sind auf der Strecke von Yakawlang nach Balkhab wegen den starken Regenfällen nicht befahrbar und die Dörfer wären nur mit einem mehrstündigen Ritt auf den berühmten Buzkashipferden erreichbar. In Balkhab gibt es ausserdem Unruhen, denn die Bevölkerung hat sich gegen den Gouverneur aufgelehnt und hat zu den Waffen gegriffen.

Afghanistanreise: Frauen am Geburtshelferinnenkurs in Lal. Foto von Evelina ColavitaTrotz den idyllischen Bildern, wo die Bauern mit den Ochsen die Felder pflügen, wo die Schafe und die Ziegen weiden und die Frauen den Kuhmist zum trocknen auf die Hausmauern legen, ist Afghanistan ein wildes Land, mit einer blutigen Geschichte und ohne Vertrauen in die Institutionen. Woher sollte auch ein solches Vertrauen kommen, immer hat der stärkere gesiegt und Gerechtigkeit gibt es nur für jene, die stark genug sind, sie sich selbst zu verschaffen.

Von Yakawlang geht es also weiter nach den Distrikten Lal und Ser e Jungle in der Provinz Ghor, die letzten Winter monatelang von der Aussenwelt abgeschnitten war. In Lal führen wir ein Ambulatorium, in dem 2004 fast 12'000 Personen behandelt worden sind. Die Hebamme des Ambulatoriums in Lal führt auch den Geburtshelferinnenkurs, den wir finanzieren und bei dem 160 Frauen ausgebildet werden. In den Ambulatorien werden ausserdem verschiedene Verhütungsmittel angeboten. Geburtenkontrolle ist hier ein Thema und immer mehr Männer und Frauen werden sich bewusst, dass sie nicht in der Lage sind, endlos Kinder gross zu ziehen. Wichtig ist es, dass in jeder Familie mindestens ein Sohn bis zum Erwachsenenalter überlebt, denn er wird sich später um die Eltern sorgen müssen. Die Töchter werden heiraten und zu den Familien ihrer Ehemänner ziehen.

Afghanistanreise: Mädchen in der Schule in Jaghori. Foto von Evelina ColavitaDas Ambulatorium in Ser e Jungle liegt weit ab von den Verbindungsstrassen. Hier wurden 2004 rund 10'700 Personen behandelt. Auch hier läuft ein Geburtshelferinnenkurs. Die Reise geht weiter nach Panjao, wo wir letztes Jahr die Schulen für 412 Mädchen finanzierten. Dieses Jahr sind es doppelt so viele. Panjao liegt an einer Wegkreuzung zwischen den Provinzen Ghor, Dajkundi und Wardak. Das UNAMA Gebäude ist mit Betonklötzen und Stacheldraht gegen Selbstmordangriffe geschützt. Es mutet seltsam an, wenn ich nebenan im Shuhada Gebäude ohne jede Bewachung untergebracht bin. Hier ist eben Siedlungsgebiet der Hazara. Einmal mehr zeigt sich, dass Shuhada, die Organisation von Frau Dr. Sima Samar, hier hohes Ansehen geniesst.

Von Panjao fahre ich ins Dorf Khawat, im Distrikt Nahoor, Provinz Jaghori. In unserem Ambulatorium in Khawat sind letztes Jahr rund 13'000 Patienten behandelt worden. Der Arzt verdient rund 100 USD im Monat. Die Patienten werden gegen ein Entgelt von 45 Afghani (50 Afghani = 1 USD) behandelt. Wer kein Geld hat, wird gratis behandelt. In diesem Betrag sind die vom Arzt verschriebenen Medikamente mit inbegriffen. Die Betriebskosten eines solchen Ambulatoriums belaufen sich auf rund 20'000 USD im Jahr.

Afghanistanreise: Vater und Tochter verlassen das ambulatorium in Nahoor. Foto von Evelina ColavitaNach Nahoor fahre ich weiter in der Provinz Ghazni, Distrikt Jaghori. Es geht über eine riesige Hochebene, auf der dieses Jahr Gras und Blumen wachsen, sie ist von schneebedeckten Bergen umrahmt. Eigentlich sieht es hier ganz romantisch aus, aber ich weiss, dass sich genau hier letztes Jahr blutige Kämpfe zwischen den ansässigen Hazaras und den nomadisierenden Kuchis zugetragen haben. Es ging um die Weiderechte auf der Ebene, die letztes Jahr eine Sand- und Salzwüste war. Dieses Jahr sind keine Kuchis zu sehen obwohl es reichlich Weiden für die Schafe, Pferde und Kamele gäbe.

Jaghori ist das Kerngebiet der Projekte von Shuhada. Hier liegt das zweistöckige Spital, das Shuhada 1989 gebaut hat und seit da Patienten aus weit entfernten Provinzen versorgt. In Jaghori steht das Waisenhaus, dessen Bau von der Provinz Bozen finanziert worden ist. Das Waisenhaus steht auf einem weitläufigen mit einer hohen Mauer umgebenen Gelände und verfügt über Annehmlichkeiten wie ein vom Küchenofen geheiztes Badezimmer. Hier werden rund 100 Waisenmädchen untergebracht werden, unterteilt in "Familien" von je 5 bis 6 Mädchen, um die sich dann je eine Witwe kümmert. Die Mädchen besuchen die von uns finanzierte Mädchenschule in Jaghori, die sogar über einen Schulbus verfügt. Die Schule wird von rund 2000 Mädchen besucht und gibt die Möglichkeit, nach dem 12. Schuljahr mit dem Abitur abzuschliessen. Diese Möglichkeit bestand sogar während der Jahre, in denen die Taleban ihr Unwesen trieben. Die Schulleiterin der Mädchenschule von Jaghori hat ihren Posten seit 11 Jahren und gerne erzählt sie wie sie die Taleban, die weder lesen noch schreiben konnten, überlistet hat. Allerdings muss auch angefügt werden, dass die Abitur-Zeugnisse von Frauen, die die Prüfung während des Taleban-Regimes abgelegt haben, an den Universitäten nicht anerkannt werden. Denn während dieser Zeit war den Frauen der Zugang zu den Schulen ja angeblich verschlossen.

Zwei Autostunden von Jaghori entfernt liegt die Mädchenschule Tabqus mit insgesamt 675 Schülerinnen. Der Schulbetrieb von Tabqus wird von Frau Margret Bergmann aus Bozen, dank dem Erlös ihres Buchs "He du, grosser Komet" finanziert. Die Schule in Tabqus ist überfüllt und ich wünsche mir, das Geld für den Bau eines neuen Schulhauses auftreiben zu können. Die letzte Etappe führt nach Sari Ab, einem grossen Ambulatorium, das von Médecins sans frontières gebaut worden ist und seit 2002 von Shuhada geführt und von uns finanziert wird. In Sari Ab wurden letztes Jahr fast 14'000 Patienten behandelt. Die Schule Rabia Balkhi in Quetta, Pakistan, wo rund 500 Buben und Mädchen zur Schule gehen, habe ich aus Zeitmangel leider nicht besuchen können.

Afghanistanreise: Evelina ColavitaFinanzierung unserer Projekte

Omid Onlus (Italien) und Solidarietà Ticino Afghanistan (Schweiz) finanzieren alle diese Projekte dank privaten Zuwendungen und Patenschaften. Beide Vereine stützen sich auf die freiwillige und unbezahlte Arbeit der Mitglieder. Die Verwaltungskosten der Vereine werden von mir getragen. Fall Sie ein Ambulatorium mitfinanzieren möchten, können Sie sich mit 200 Euro oder 320 Sfr. jährlich mitbeteiligen. Natürlich nehmen wir gerne Zuwendungen in jeder Höhe zur Unterstützung der Projekte an.

Die Patenschaften kosten pro Jahr 150 Euro oder 240 Sfr. Der Betrag unterstützt direkt das Projekt und geht weder an das Patenkind noch an dessen Familie. Es handelt sich deshalb um eine rein symbolische Patenschaft. Die Patin/der Pate erhält ein Foto und eine Zeichnung eines Kindes. Foto und Zeichnung sind rein symbolisch und es ist nicht möglich, mit den Kinder in den abgelegenen Bergtälern einen Briefwechsel zu unterhalten.

Evelina Colavita
OMID Onlus und Solidarietà Ticino Afghanistan

In der Schweiz: Solidarietà Ticino Afghanistan, Conto corrente postale: 65-240698-1.
Conto corrente bancario: Banca Raiffeisen Balerna, 1877196 80272. Per ulteriori informazioni in Ticino: Solidarietà Ticino Afghanistan, Via Monte Generoso - 6874 Castel S. Pietro; oppure Mirka Studer, 6825 Capolago, tel. 091 648 27 63, e-mail: mstuder@ticino.com.

In Italien: OMID Onlus, Via Bonvicino 24a, 20025 Legnano, tel. 0331.542740, e-mail: evcolavi@tin.it, Evelina Colavita e Maurizio Bada.
Conto corrente, Monte dei Paschi di Siena, agenzia di Legnano, Intestato a OMID, No. 8408,31, ABI 1030, CAB 20200. Conto corrente postale 42703223.

Von Omid Onlus und Solidarietà Ticino Afghanistan im Jahr 2004 finanzierte Projekte

Aus pogrom-bedrohte Völker 232 (4/2005)


Siehe auch:
* www.gfbv.it: Patenschaften für Mädchenschulen SchülerInnen spenden für Shuhada in Afghanistan!
Unterstützen Sie eine Spendenkampagne an Südtirols Schulen zugunsten der Mädchenschulen in Afghanistan!
Patenschaften und Selbsthilfeprojekte in Afghanistan
Vergessen wir nicht die Menschenrechte! Von Mateo Taibon
Hazara Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan in Quetta
Afghanistan nach den Taliban: Eine Reise in den Ruinen eines zerstörten Landes, von Evelina Colavita
Afghanistanreise vom 21. August bis 16. September 2004, von Evelina Colavita
Zum ersten Mal Afghanistan - und zurück, von Margret Bergmann

* www: Shuhada: www.shuhada.org | Ticino-Afghanistan: www.ticino-afghanistan.ch | Unhabhängige afghanische Menschenrechtskommission: www.aihrc.org.af

Letzte Aktual.: 16.9.2005 | Copyright | Suchmaschine | URL: www.gfbv.it/3dossier/asia/afghan/afghan-col05de.html | XHTML 1.0 / CSS / WAI AAA | WEBdesign, Info: M. di Vieste

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