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Verfassungsreferendum in Tschetschenien

Hintergrundpapier zum bevorstehenden Verfassungsreferendum in Tschetschenien am 23. März 2003

Bozen, Göttingen, 20. März 2003

Am 23. März werden die Tschetschenen über eine Verfassung abzustimmen haben, die Tschetschenien theoretisch ein gewisses Maß an Autonomie, einschließlich einem eigenen Präsidenten und einem eigenen Parlament einräumt. Der Abstimmung über das Referendum werden gegen Ende des Jahres Wahlen folgen.

Inhalt der vorgeschlagenen Verfassung
Für viele, die sich eine politische Lösung für Tschetschenien wünschen, mag es sich hoffnungsvoll anhören, dass Russland bestrebt scheint, einen politischen Prozess anzustossen. Der Verfassungstext wurde jedoch ohne die Mitarbeit der gewählten Vertreter Tschetscheniens unter ihrem Präsidenten Aslan Maschadow ausgearbeitet. Bis heute fand keine- von russischer Seite zuvor angekündigte- Debatte über den Text der Verfassung statt. Vertreter der Regierung Maschadow machten darauf aufmerksam, dass Tschetschenien ja eine Verfassung habe, die 1996 unter Vermittlung der baltischen Staaten geschrieben und durch Wahlen anerkannt wurde. Das Referendum, welches die russische Regierung nun initiiert, entbehre jeglicher völkerrechtlichen Grundlage, so die tschetschenische Seite.

Der tatsächliche Text der Verfassung löst in einigen Punkten Kontroversen aus. So erlaubt der Artikel 72 dem russischen Präsidenten den tschetschenischen Präsidenten abzusetzen. Artikel 95 sieht vor, dass in der Folge solch einer Entmachtung auch das gesamte Kabinett aufgelöst werden soll. Artikel 91 bestimmt, dass das tschetschenische vom russischen Parlament aufgelöst werden kann. In Artikel 103 wird festgelegt, dass Tschetschenien der russischen Staatsanwaltschaft untersteht. Auch nach Ansicht russischer Politiker scheinen weitere Artikel des Referendums geradezu illusorisch, so schreibt der Menschenrechtler und Duma-Abgeordnete Sergej Kowaljow in der Novye Izvestia am 7. Februar: "Sehen sie sich zum Beispiel den Artikel über die freie politische Debatte, über Presse- und Medienfreiheit, die Freiheit, Parteien zu gründen, an. Welche politischen Parteien werden gemeint? In Tschetschenien ist ein Guerilla Krieg, Parteien können nicht agieren." Ein weiteres Beispiel ist der Artikel 22 über die Unverletzbarkeit des Eigentums, des Hauses. Im Moment finden täglich so genannte Säuberungen statt, während derer russische Armeeangehörige in die Häuser und Wohnungen der Zivilbevölkerung eindringen, plündern und zerstören.

Motive Russlands für die Durchführung des Referendums
Nach dem Geiseldrama in Moskau im Oktober 2002, wurde der Weltöffentlichkeit deutlich, dass die russische Aussage, in Tschetschenien sei kein Krieg mehr und der Zustand in der Republik sei normal, nicht den Tatsachen entspricht. Mit der Durchführung eines Referendums will Moskau mehrere Ziele erreichen: Indem ein vordergründig demokratischer Prozeß angestoßen wird, soll der eigenen Bevölkerung aber besonders den ausländischen, europäischen Regierungen signalisiert werden, dass in Tschetschenien die Normalität einkehren wird und Russland entgegen der Behauptung von Menschenrechtlern den politischen Willen zu einer friedlichen politischen Lösung hat.

Ein weiteres Ziel ist es, für jeden offensichtliche Fakten zu schaffen: Eine pro-russische Regierung wird Tschetschenien verwalten, jegliche Vorstellungen der Selbstbestimmung Tschetscheniens sind somit obsolet. Nachdem die Tschetschenen in den beiden letzten Kriegen 160.000 Opfer zu beklagen haben, nachdem gemordet, gefoltert und vergewaltigt wurde, wird das Ergebnis des unfreiwilligen Referendums sein, dass die Tschetschenen zustimmen, Teil der Russischen Föderation zu bleiben. Von vornherein scheint klar, dass um dieses Ergebnis zu erzielen, keine gleiche, geheime und freie Abstimmung ermöglicht werden wird.

Jeder soll davon überzeugt werden, dass, nachdem Tschetschenien dann eine neue Regierung hat, nicht mehr mit den moderaten Kräften in Tschetschenien, mit Aslan Maschadow und seinen Vertretern verhandelt werden muss.

In anderen Worten scheint Moskau besonders den westeuropäischen Regierungen seine Tschetschenienpolitik durch dieses Referendum schmackhaft machen zu wollen. Ein weiterer Schachzug zur Gewinnung westlicher Sympathien war der groß angekündigte Abzug von 1000 in Tschetschenien stationierten Soldaten Anfang März 2003. In Anbetracht der Gesamtzahl von 100.000 russischen Soldaten in der Republik erscheint dieser Schritt als eine reine Propagandamaßnahme, dessen erwartete Wirkung allerdings ausblieb.

Das Referendum erinnert an die Abstimmungen etwa in den baltischen Staaten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges als vordergründig die Zustimmung der Bevölkerung zum Anschluß an die Sowjetunion eingeholt wurde.

Leider muß man diese Politik im Zusammenhang mit einer zunehmenden, Besorgnis erregenden "Sowjetisierung" der russischen Politik sehen: Die Pressefreiheit ist stark eingeschränkt, das Parlament mehr oder weniger gleichgeschaltet, die Justiz nicht mehr unabhängig und vermehrt übernehmen ehemalige Geheimdienstmitarbeiter Aufgaben in der zivilen Verwaltung.

Eine typische Entscheidung Putins in diesem Zusammenhang ist die Mitte März durchgeführte Strukturreform des Inlandsgeheimdienstes FSB. Die Umstrukturierung macht die Ausgliederungen bestimmter Dienste aus dem FSB rückgängig, die Jelzin unternahm, um den Geheimdienst in seiner Allmacht zu beschränken. Putin erweiterte dadurch die Kompetenz des FSB, indem er die Grenztruppen dem FSB zuordnete, inklusive ziviler Mitarbeiter und dem Budget, welches fast doppelt so hoch ist wie das des FSB. Weiterhin unterstehen nun wieder Teile der "Regierungsbehörde für Regierungskommunikation" (FAPSI) dem Geheimdienst. Die Auflösung der Steuerpolizei bewirkt einen zusätzlichen Machtanstieg des FSB.

Für die Situation in Tschetschenien wirkt sich vor allem der Kommandowechsel über die Grenztruppen aus, welche auch in Tschetschenien operieren. Durch die Umstrukturierung hat der FSB nun einen erheblich vergrößerten Einfluss auf das Geschehen im Kaukasus.

Menschenrechtsorganisationen vor Ort zum Referendum
Die Organisation Memorial und die "Gesellschaft der Opfer des Krieges" sammelt zur Zeit Unterschriften unter einen Brief an den russischen Präsidenten Putin. Schon Tausende Unterschriften konnten in Tschetschenien gesammelt werden. In dem Brief werden vier Bedingungen genannt, ohne deren Realisierung das Referendum nicht als freie Meinungs- und Willensäußerung des tschetschenischen Volkes angesehen werden kann:
- Ab dem 1. März soll die russische Armee alle Operationen in Tschetschenien einstellen.
- Die Sicherheit der Zivilisten muß garantiert werden.
- Die Ausgangssperre muß aufgehoben werden.
- Informationen über willkürlich Festgenommene und dann Verschwundene müssen öffentlich gemacht werden.

Auf diese Art und Weise bemühen sich die Menschenrechtsorganisationen vor Ort, die Durchführung des Referendums zu beeinflussen, bzw. zu verdeutlichen, dass dieses Referendum als Farce bezeichnet werden muß, solange der Alltag der Zivilbevölkerung von der vollkommenen Willkür und Brutalität der russischen Soldaten geprägt ist.

Bezeichnend ist auch das Ergebnis einer Konferenz in Nasran vom 2. März 2003. An der Konferenz nahmen 30 Nichtregierungsorganisationen (NRO), sowie Vertreter der pro- russischen Verwaltung Tschetscheniens teil. Die Vertreter der NROs äußerten die Meinung, das Referendum würde von Russland durchgeführt, um eine tatsächliche politische Lösung zu vermeiden. Die Schlussresolution der Konferenz beinhaltete zwei Punkte: 1. Die NROs werden in keinster Weise bei der Vorbereitung des Referendums helfen und auch nicht die Wahlen beobachten. 2. Die NROs werden die Ergebnisse des Referendums nicht anerkennen.

Etwa 80 bekannte russische Persönlichkeiten unter ihnen der Duma-Abgeordnete und Menschenrechtler Sergej Kowaljow, die Witwe von Andrej Sacharow, Jelena Bonner, Svetlana Gannushkina und andere haben einen Appell an westliche Regierungschefs unterzeichnet, in dem sie Russland vorwerfen, eine Parodie eines Plebiszits durchzuführen. Die Unterzeichner fordern, dass es den Tschetschenen ermöglicht werden soll, selbst zu bestimmen, in welcher Staatsform sie leben wollen. Sie rufen die westlichen Regierungschefs weiterhin dazu auf, sich für eine tatsächliche politische Lösung einzusetzen und ihre Aktivitäten zur Beendigung des Krieges nicht nach der Durchführung des Referendums zu stoppen.

Sicherheitslage in Tschetschenien
Die Sicherheitslage ist das größte Hindernis für die Durchführung eines tatsächlichen Referendums. Im Gegensatz zu der von der russischen Seite erstrebten "Normalisierung" berichtete die tschechische Menschenrechtsorganisation "Prague Watchdog" von vermehrten Kämpfen zwischen Tschetschenen und russischen Soldaten Anfang März. Sichere Quellen hätten vorausgesagt, die Angriffe der Tschetschenen würden tagtäglich zunehmen. Ein weiteres Anzeichen für jegliches Fehlen von Sicherheit und Frieden ist die Ermordung des zur russischen Seite übergelaufenen tschetschenischen Kämpfers Dzhabrail Yamadaev in der Nacht vom 5. auf den 6. März. Nach Meinung der Zeitung "Isvestia" stellt sein Tod für die tschetschenischen Kämpfer einen größeren Sieg dar. Die Zeitung berichtet ferner von einem im März abgeschossenen Militärhubschrauber und einer bewaffneten Auseinandersetzung mit sechs Toten und zehn Verwundeten auf russischer Seite.

Auch eine gemeinsame Mission vom Europarat und der OSZE, welche Anfang März nach Tschetschenien reiste, um auf Einladung der Wahlkommission und dem Verwaltungschef der tschetschenischen Republik die Lage vor dem Referendum zu untersuchen, stellte fest, dass Verschleppungen, Attentate und andere Arten von Körperverletzungen weiter anhalten. Ferner heißt es in dem Bericht der Mission, die Vorbereitung des Referendums liefe unter "außergewöhnlichen Umständen" ab, dasselbe werde auf die spätere Durchführung zutreffen.

Eine kurze Zusammenstellung der Menschenrechtsverletzungen
Am 4. Januar wurden Salman Bantaev, 40 und Bakar Bantaev, 42 aus ihrem Haus im Grosnyer Stadtteil Komsomolskoe verschleppt. Ihr Aufenthaltsort ist bis dato unbekannt.

Im Rahmen einer so genannten Säuberung am 4. Januar wurde in Raduschnoe der 28-jährige Zivilist Saidulli Arsanukaev verschleppt.

Im tschetschenischen Flüchtlingslager Karabulak wurde am 4. Januar Timur Muradalov ermordet. Seit zwei Jahren lebte dieser Flüchtling aus dem Dorf Avtury in Tschetschenien.

Im Rahmen einer so genannten Säuberung in der tschetschenischen Stadt Argun wurden am 4. Januar um 6 Uhr früh folgende Personen festgenommen und verschleppt: Kaluga Mollaev, Letschi Mollaev, Gajsum Mollaev. Sie wurden am selben Tag wieder auf freien Fuß gesetzt.

4. Januar 2003 Folgende Personen wurden während einer Säuberung in Grosny verschleppt und sind seither verschwunden:
- Alik Denievich Maschiew, geb, 1948
- Hasan Maschiev, geb. 1974
- Husein Maschiev, geb. 1975
- Arbi Maschiev, geb. 1983
- Ajschat Maschieva, geb. 1948
- Angela Bagaeva, die Ehefrau von Hasan Maschiev

Am 5. Januar 2003 fuhren Militärfahrzeuge in den Hof der Familie Dschantemirow. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich dort der Vater Sulumbek, die Mutter Deschi und der Sohn Deni, geb. 1975 auf. Als Sulumbek die Soldaten hörte, ging er auf den Hof. Die Soldaten befahlen ihm, sich auf den Boden zu legen, die Hände über dem Kopf zu verschränken und sich ruhig zu verhalten. Nach ihm kam der Sohn Deni aus dem Haus, auch er wurde aufgefordert, sich auf den Boden zu legen. Soldaten drangen dann in das Haus ein und durchsuchten es. Nach vierzig Minuten kamen sie wieder auf den Hof, holten den Vater und befahlen ihm, sich im Haus auf den Boden zu legen. Als die Soldaten wieder auf den Hof gingen, folgte ihnen jedoch Sulumbek und sah, dass sein Sohn nicht mehr da war. Die Soldaten erklärten, sie würden ihn zur Wache mitnehmen. Seither fehlt jede Nachricht von Deni Dschantemirow. Deni studierte und lebte in der Türkei und war nur nach Grosny gefahren, um seien Pass verlängern zu lassen;

Am 6. Januar um drei Uhr nachts verschleppten russische Soldaten Abdul-Reschida Dschunidowitsch Saraliev, geb. 1941. Sie nahmen auch den geistig behinderten Sohn, Ramzan, geb. 1968 mit und den Neffen, Vacha Hasanovitsch Kuraschew, geb. 1954. Am 11. Januar fanden Einwohner Grosnys einen Leichnam eines jungen Mannes im Fluss Neftnaja. Diese Leiche konnte als Ramzan Saraliev identifiziert werden. Der Leichnam wies deutliche Folterspuren auf. Von den beiden anderen Verschleppten fehlt bislang jede Spur.

Am 6. Januar fanden Bewohner eine männlichen Leichnam in Grosny in der Nähe des Marktes. Experten gehen davon aus, dass der Tod drei Monate zurück liegt.

Ab dem 8. Januar wurden im Laufe von drei Tagen 22 Person aus Argun verhaftet und mehr als 50 Bewohner brutal zusammengeschlagen. Nachts wurden die Menschen aus den Betten geholt, als eine Mutter darum bat, dass ihr Sohn sich noch anziehen dürfe, schütteten russische Soldaten einen Eimer Wasser über ihr aus. Alle Festgenommenen wurden in einen nahegelegenen Steinbruch gebracht und dort mehrere Stunden festgehalten und gefoltert. Nachdem sich die Soldaten von dort zurückgezogen hatten, fanden Frauen dort die Überreste von zwei Leichen, die unkenntlich gemacht worden waren. Die übrigen Festgenommenen hatte man in das Militärlager Chankalla gebracht. Nur ein Leichnam konnte anhand der Kleidung identifiziert werden: Almanzor Orzuchaev, 36 Jahre alt. Am Abend des 8. Januar wurden acht der Festgenommenen freigelassen. Alle von ihnen mussten medizinisch behandelt werden. Sie berichteten, dass sie sich in dem Steinbruch auf den verschneiten Boden legen mußten, über ihre Köpfe wurden Plastiktüten gezogen, und auf sie wurde Wasser geschüttet, dadurch schmolz der Schnee zuerst, dann fror das Wasser um die Menschen herum zu Eis. Die Soldaten liefen auf diesem Eis und schlugen die Liegenden mit Stöcken. Am 15. Januar wurden weitere Personen, die am 8. Januar festgenommen worden waren, freigelassen. Zwei Personen verschwanden.

Am 8. Januar fanden Zivilisten vier Kilometer vom Dorf Kjurtschaloj entfernt die Überreste eines Leichnams der offensichtlich durch den Einsatz von Handgranaten unkenntlich gemacht worden war.

Gegen drei Uhr nachts am 8. Januar drangen russische Soldaten in der Stadt Urus-Martan gewaltsam in ein Haus ein. Ein Teil der Soldaten trug Masken. Sie verschleppten den Einwohner Lom-Ali Achilgov, geb. 1986. Sein Aufenthaltsort ist bis dato unbekannt.

Am 10. Januar wurde der Einwohner des Dorfes Belty, der 43-jährige Ibragim Matschuev vom russischen Geheimdienst FSB verhaftet. Für seine Verhaftung wurden keinerlei Gründe angegeben.

Am 11. Januar wurden zwei Brüder aus dem Dorf Batschi-Jurt, Magomed Kasbekov, geb. 71 und Kantasch Kasbekov, geb. 1986 festgenommen. Noch am selben Tag wandte sich der Vater der Verhafteten an den russischen Geheimdienst. Dort wurde ihm gesagt, dass sie sich für seinen dritten Sohn interessieren würden, mit dem aber die Familie keinen Kontakt mehr hat.

Am 11. Januar wurden aus Grosny Arbi Karimov, geb, 1981 und Schaarani Chuseinowitsch Isaev, geb. 1963 verschleppt. Isaev wurde am 12. Januar im Staropromyslowski Rajon in Grosny wieder auf freien Fuß gesetzt

Am 11. Januar wurde um sieben Uhr morgens in Grosny Arbi Aguev, geb. 1960 verhaftet. Zu der Zeit befanden sich auch Arbis Frau und die drei minderjährigen Kinder in der Wohnung. Die Soldaten, die in Masken in die Wohnung eindrangen, schlugen den 11-jährigen Sohn. Die Familie war erst vor kurzen aus dem russischen Rostov zurückgekehrt, wo sie als Flüchtlinge gelebt hatten.

Am 13. Januar wurde in der Nähe der Stadt Grosny ein Massengrab gefunden, welches 10 Leichen enthielt. Diese wurden zur Identifikation in eine Moschee in Tolstoj Jurt gebracht. Am 17. Januar erklärte der tschetschenische Staatsanwalt, Kravtschenko, diese Leichen seien Opfer von tschetschenischen Kämpfern. Dies stimmte jedoch nicht, es konnten Leichen von Personen identifiziert werden, die während einer so genannten Säuberungsaktion Anfang Januar 2003 von russischen Einheiten verschleppt worden waren. Erst nach und nach konnte die Wahrheit herausgefunden werden: Zwei der Leichen waren Opfer einer so genannten Säuberung im Dezember 2002. Es konnte weiterhin die Leiche von Kagermanov identifiziert werden, dem ehemaligen Direktor eines kollektivierten Landwirtschaftsbetriebs, der auch von russischen Soldaten verschleppt worden war. Ein weiterer Leichnam war der des Einwohners von Grosny, Herrn Tepsuev, er war am 22.12. von russischen Soldaten verschleppt worden. Die übrigen vier Leichen waren mit Hilfe von Explosionen unkenntlich gemacht worden und konnten nicht identifiziert werden.

Am 14. Januar wurden in Grosny folgende Personen verhaftet und sind seither verschwunden:
- Hasan Usterchanov, geb. 1974
- Aslan Sultanowitsch Muzaev, geb. 1977
- Anschela Schachmurzaeva, geb. 1971
- Aslan Bajsultanov

Am 10. Februar wurde in den Außenbezirken des Dorfes Belgatoi im Distrikt Schali der Leichnam einer jungen Frau gefunden. Sie wurde in die Moschee gebracht und nach drei Tagen beerdigt, ohne dass sie identifiziert werden konnte. Die Nachricht von dem Leichenfund verbreitete sich schnell und die Verwandten von Seda Khurikova, geb. 1977 aus Urus Martan, die im Januar 2003 aus ihrer Wohnung verschleppt worden war, kamen nach Schali und identifizierten Seda Khurikova anhand von Überresten der Kleidung. Das Grab wurde geöffnet und die Verwandten berichteten, dass Seda enthauptet worden sei. Beide Hände waren abgehackt worden und der Leichnam war von Wunden übersät. Seda war die Mutter eines kleinen Kindes.

Am 17. Februar wurde ein Einwohner des Dorfes Wedeno beim Beschuß seines Ortes schwer verletzt. Seit zwei Wochen setzt die russische Armee Artillerie und Granaten beim Beschuß des Dorfes ein. Die Bewohner haben in dieser Zeit ihre Keller nicht verlassen. Als der eine Verletzte auf der Straße lag und ihm Anwohner zur Hilfe eilen wollten, eröffneten die russischen Soldaten auf die Hilfeleistenden das Feuer. Nur unter Lebensgefahr gelang es, den Schwerverletzten. Die Bewohner hatten den Eindruck, die Soldaten seien betrunken

Außergewöhnlich sind auch die Berichte über Schullehrer in Grozny, welchen angeordnet wurde, jeweils 50 Rubel zur Finanzierung des Referendums zu zahlen. Seit zwei Monaten erhalten diese Lehrer keine Gehälter von der pro-russischen Verwaltung mehr.

Am 18. Februar wurde der Bauer Kharon Dzabrailov von einem Artilleriegeschoss getötet, während er auf seinem Feld in der Nähe des Dorfes Dzugurty arbeitete. Das erste Geschoß traf seinen Traktor, er versuchte sich dann durch einen Sprung aus dem Traktor zu retten, als das zweite Geschoß neben ihm einschlug und ihn tötete. Kharon Dzabrailov ist der Vater von vier Kindern.

Neben der fehlenden Sicherheit gibt es auch keine freie Presse, keine Möglichkeit einer öffentlichen Debatte, so ist klar, dass der Text der vorgeschlagenen Verfassung nicht verteilt wurde. Nach einer Umfrage ist nur ein Drittel der Wahlberechtigten mit den Grundzügen des Verfassungsentwurfes vertraut.

Zugang zur Wahl
In Tschetschenien selbst existiert keine Transparenz in Bezug auf die Wählerlisten, d.h. es ist nicht klar, nach welchen Prinzipien die Wähler ausgesucht werden und wie viele Personen an dem Referendum überhaupt teilnehmen werden können. Nach Angaben der anerkannten russischen Menschenrechtsorganisation Memorial führte eine fehlerhaft durchgeführte Volkszählung zu 200.000 überzähligen Verzeichneten auf den Wählerlisten.

Etwa 40.000 russische Soldaten, ein Teil der im Moment in Tschetschenien stationierten Truppen, sollen an dem Referendum teilnehmen dürfen. Im Gegensatz dazu dürfen tschetschenische Flüchtlinge in der südrussischen Provinz Stavropol Krai – wie die Nachrichtenagentur "Novosti" berichtet - nicht abstimmen, weil ihr Langzeitaufenthalt in Stavropol ihnen das Recht nehme, an einem Referendum in Tschetschenien teilzunehmen.

In Inguschetien, so berichtet die russische Menschenrechtsorganisation Memorial, sie die Aufstellung der Wählerlisten transparent. Es seien jedoch zahlreiche fälle bekannt geworden, in denen auf die Flüchtlinge Druck ausgeübt wurde, sich für die Teilnahme am Referendum registrieren zu lassen. So seien in der Woche vom 10.-16. März in den Flüchtlingslagern "Rassvet ", "Mezrayonnoe ob ’edenenie ", "Conservny zavod ", "SMU-4 " an den Ausgabestellen für Nahrungsmittel die Flüchtlinge aus Tschetschenien aufgefordert worden, sich in Wählerlisten einzutragen, sonst bekämen sie keine Nahrungsmittel. Nach Protesten jedoch sei dieser Druck eingestellt worden.

Parallel dazu versuchen die russischen Autoritäten und ihre Verbündeten den Eindruck zu erwecken, das Referendum würde auf Seiten der Bevölkerung auf große Zustimmung stoßen. Die regierungstreue Webseite Strana.ru zitierte den Chef der tschetschenischen Administration Kadyrov, nach dessen Schätzungen 96 Prozent der tschetschenischen Bürger bereit wären, an dem Referendum teilzunehmen. Arsakhanov, Chef der Wahlkomission, berichtete von 10.000 Flüchtlingen, welche bereits den Wunsch geäußert hätten, in dem Referendum zu wählen. Ob dies freiwillig geschah, ist jedoch mehr als fraglich.

Position der OSZE, Parlamentarischen Versammlung des Europarates, der Bundesregierung
Schon seit der Termin des Referendums feststeht, warnen tschetschenische, russische und westeuropäische Menschenrechtsorganisationen vor den möglichen negativen Folgen des Referendums. Die GfbV appellierte im Februar an die OSZE und den Europarat, die Abstimmung nicht durch Wahlbeobachtung zu legitimieren. Es stehe zu befürchten, dass sich durch das Referendum der Krieg in Tschetschenien verlängere und die Radikalisierung der tschetschenischen Kämpfer drohe zuzunehmen. In dieser Hinsicht bewertete es unsere Menschenrechtsorganisation als großen Fehler, dass der Menschenrechtsbeauftragte des Europarates, Alvaro Gil-Robles, bei seinem letzten Tschetschenien-Besuch das Referendum lobte. Die tschetschenischen Opfer des Krieges empfinden es als Schlag ins Gesicht, wenn sich Europa auf diese Art und Weise nochmals von ihnen abwendet, ja sie in solcher Manier verhöhnt. Sowohl die OSZE als auch die Parlamentarische Versammlung des Europarates haben sich zum Referendum geäußert und waren auch in der Vorphase der Durchführung in Tschetschenien.

Im Zusammenhang mit der Russlandpolitik der Bundesregierung ist es alarmierend, wenn der deutsche Botschafter im Moskau auf einer Pressekonferenz am 6. März angibt, die Auffassungen der Bundesrepublik Deutschland und der Russischen F öderation "decken sich komplett", was das Thema Referendum in Tschetschenien angehe. Das Referendum schaffe nach dieser Ansicht eine rechtliche Basis für ein friedliches Leben in Tschetschenien.

Schließlich wird man doch anerkennen müssen, dass hier ein zweiter Schritt vor dem ersten, nämlich vor der Aushandlung eines Waffenstillstands und tats ächlichen Friedensverhandlungen gegangen wird. Erst wenn sich die relevanten Kr äfte Russlands und Tschetscheniens über eine politische Lösung geeinigt haben, kann eine Bevölkerung, die in Sicherheit lebt, über ihre eigene Zukunft, über die Form des Staates, den Grad der Autonomie und den Status Tschetscheniens entscheiden. Es ist die Aufgabe der europäischen Regierungen und ihrer Zusammenschlüsse, wie dem Europarat und der OSZE diesen Verhandlungsprozeß anzustoßen und den tatsächlichen Austausch mit der Russischen Regierung und dem Parlament zu suchen, nicht den einfachen Weg der blinden Akzeptanz eines Scheinreferendums zu gehen. Dies, so warnen zahlreiche Tschetschenienexperten, wird die Gräuel in Tschetschenien verlängern und die Suche nach einer politischen Lösung noch schwieriger machen.


Siehe auch:
* www.gfbv.it: www.gfbv.it/2c-stampa/03-1/030320ade.html | www.gfbv.it/2c-stampa/03-1/030227de.html | www.gfbv.it/2c-stampa/03-1/030221de.html | www.gfbv.it/2c-stampa/02-3/021031de.html | www.gfbv.it/2c-stampa/02-3/021027de.html | www.gfbv.it/2c-stampa/02-3/021025de.html | www.gfbv.it/2c-stampa/02-3/021015de.html | www.gfbv.it/3dossier/cecenia/010613cecenia.html | www.gfbv.it/3dossier/asia/afghan/terror-de.html
* www: www.memo.ru | www.redbook.ee | www.iccnow.org

Letzte Aktual.: 28.3.2003 | Copyright | Suchmaschine | URL: www.gfbv.it/2c-stampa/03-1/030320ade-dok.html | XHTML 1.0 | WEBdesign, Info: M. di Vieste
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